Die tägliche Praxis – ein radikaler Akt der liebenden Selbstfürsorge

»Achtsamkeit entsteht nicht einfach wie von selbst, nur weil man zu der Überzeugung gelangt ist, dass es nützlich und wünschenswert wäre, bewusster zu leben. Es bedarf vielmehr einer starken Entschlossenheit sowie einer wirklichen Überzeugung vom Wert solchen Tuns, um jene nötige Disziplin aufzubringen, die man als Grundpfeiler einer effektiven Meditationspraxis bezeichnen könnte.«
Jon Kabat-Zinn

Für viele Teilnehmende unserer Achtsamkeitskurse stellt sich die Frage, wie es möglich ist eine verlässliche tägliche Praxis zu etablieren. Und ich werde gefragt, wie ich es schaffe, täglich zu meditieren. Und ich antworte oft so: Es fällt mir leicht jeden Tag zu meditieren aus folgendem Grund:

Wenn ich nicht meditiere, dann fühlt das Leben sich unangenehmer an.

Wenn ich gefragt werde, ob ich es nicht anstrengend finde, mir jeden Tag mindestens 30 Minuten freizuhalten für die Meditation, dann antworte ich:

Ich habe herausgefunden, dass es für mich anstrengender ist, es nicht zu tun.

Ich habe für mich festgestellt, dass, wenn ich mir keine Zeit nehme für die formale Praxis, folgendes passiert:

  • Es kommen gehäufter unterschwellige Gedanken auf, die zum Inhalt haben: es gibt zu viel zu tun … hätte ich mal dies und jenes in der ferneren oder näheren Vergangenheit anders gemacht … warum kann es nicht anders sein, als es ist … warum benehmen die Menschen sich in meinem Umfeld nicht bitte anders … warum benehmen die Menschen sich auf dem ganzen Planeten nicht anders … warum ist die Welt eigentlich für so viele von uns ein schrecklicher Ort
  • Diese Gedanken tragen eine emotionale Ladung mit sich und diese emotionale Ladung heißt: Stress, Ängstlichkeit, Frustration, Ärger, Wut
  • Im Körper drückt sich das aus in einer flachen und schnellen Atmung oder einem Atem, der stockt, verspannten Schultern und Nacken, Festigkeit im Becken und manchmal einem Herz, das mir schwer scheint.

Wenn ich mir Zeit nehme für meine Praxis auf der Yogamatte und dem Meditationskissen, dann passiert folgendes (manchmal unmittelbar und manchmal erst im Tages- und Wochenverlauf zu spüren)

  • Es kommen häufiger Gedanken in den Sinn, die zum Inhalt haben: das schaffe ich schon alles irgendwie … die Menschen benehmen sich, wie sie sich benehmen und viele Menschen sind sehr sehr freundlich … die Menschen in meinem Umfeld haben auch ihre Stressmomente …. es gibt viel Hilfsbereitschaft und Güte auf diesem Planeten … es ist ok, wie es ist.
  • Diese Gedanken führen dazu, dass Zuversicht und Hoffnung, Freude und Dankbarkeit aufkommen kann
  • Im Körper fühle ich eine Entspannung, eine tiefere Atmung und ein leichteres Herz.

Wenn ich mir diese Wirkungen anschaue mit Abstand und einem klaren Geist, dann kann ich doch gar nicht anders, als meiner Meditationspraxis erste Priorität einzuräumen in meinem Alltag, außer ich würde mir selber schaden wollen.

Und so hat es tatsächlich für mich wenig mit Disziplin zu tun, wenn ich täglich übe, wenn ich die Spülmaschine unausgeräumt lasse, bevor ich mich auf mein Kissen setze. Denn es ist nichts anders als Selbstfürsorge und nichts anderes als das, was Jon Kabat-Zinn beschriebt als:

Nothing less than a radical act of loving kindness toward yourself.
Nichts weniger als ein radikaler Akt der liebenden Güte dir selber gegenüber.

Nun ist es aber tatsächlich wohl so, dass ich diese Beobachtung nicht von dem einem zum anderen Tag gemacht habe, sondern dass es eine Erfahrung ist, die mit den Jahren immer deutlicher und deutlicher wurde. Und die Frage stellt sich vielleicht, wie du eine tägliche Praxis etablierst, wenn die Stimmen, die sagen: „Och komm, so ein bisschen Fernsehen anstelle von Yoga ist aber auch nicht verkehrt.“ Oder „Wie sieht bloß das Wohnzimmer wieder aus! Bevor es hier nicht aufgeräumt ist, kannst du dich unmöglich auf dem Kissen entspannen.“, lauter sind, als die Gewissheit, dass die Meditation dich im Endeffekt zu einem freieren Lebensgefühl führen wird. Hierfür kannst du folgende Hilfen ausprobieren:

  • Der Vergleichscheck am Anfang und Ende der Meditation

Am Anfang der Meditation, wenn du dich auf deinem Kissen niedergelassen hast, checkst du bei dir ein und überprüfst:

  • Wie fühlt sich der Körper? Gibt es Verspannungen, unangenehme Empfindungen, Schmerzen?
  • Wie ist das allgemeine Lebensgefühl? Welche Emotionen sind da? Wie fühlt es sich an, du zu sein.
  • Welche Gedanken sind da, die du glaubst und die deine Stimmung beeinflussen?
    Halte die Antworten auf diese Fragen am besten ruhig schriftlich fest, wenn du möchtest. Nachdem du dann 20 oder 30 oder 60 Minuten auf deinem Kissen gesessen hast, stellst du dir die gleichen Fragen noch einmal. Beantworte die Fragen ganz ehrlich und am besten ohne eine Erwartung zu hegen. Versuche dir bewusst zu werden, dass es nicht darum geht, dass du am Ende deiner formalen Praxis alle deine Verspannungen/Schmerzen und Probleme wegmeditiert hast. Vielleicht ist das überhaupt nicht der Fall. Hole die Antworten auf die Fragen aus deinem Inneren. Sei radikal und ehrlich, indem du alle Antworten zulässt.
    Wenn du ein solches Tagebuch führst, dann ist es nicht nur interessant zu beobachten, was vor und nach der Meditation da ist, sondern auch wie es sich im Verlauf der Wochen und Monate wandelt, falls es das tut.
  • Gedankentagebuch
    Notiere täglich, welche Gedanken dir in den Sinn kommen, vor allem welche Gedanken dich besonders zu beeinflussen scheinen und welche für deine Grundstimmung verantwortlich sind. Auch hier ist es interessant zu beobachten, ob sich im Laufe der Wochen und Monate etwas verändert.
  • Der Commitment- Moment
    Am Ende jeder formalen Meditationspraxis räumst du dir einen kleinen Moment für ein starkes „Commitment- Statement“ ein, in dem du deinen Beschluss formulierst, in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten regelmäßig zu üben, und zwar einzig und allein zu dem Zweck, sich gut um dich selber zu kümmern und für dich zu sorgen.