Leben in Vorstellungen

»Diese Welt ist nichts anderes als eine Leinwand für unsere Vorstellung. «
Henry David Thoreau

Als ich in die Grundschule ging, hatte ich folgendes Erlebnis: Unsere Schwimmlehrerin kündigte an, dass wir in der Stunde vor den Ferien unser Wasserspielzeug mitbringen dürften, also aufblasbare Schwimmtiere und dergleichen. In meiner Vorstellung war dies fast das Beste, was einem in seiner ganzen Schullaufbahn passieren konnte. In meinem Kopf entstanden Bilder von Glück im Wasser, Bilder, die wohl nur ein kindlicher Geist zeichnen kann. Immer, wenn ich an die bevorstehende Schwimmstunde dachte, freute es sich in mir unbändig. Als nun die erwartete Schwimmstunde da war, war die Erfahrung desillusionierend. Alle wedelten mehr oder weniger rücksichtsvoll mit ihren Gummitieren herum. Jeder spielte für sich. Es war voll und eigentlich auch eher langweilig, so mein Eindruck. Als ich nach dieser Schwimmstunde aus dem Wasser stieg dachte ich, dass es ja nun tatsächlich gar nicht so gewesen war, wie ich es mir vorgestellt hatte und das fühlte sich ernüchternd an. Aber ich stellte fest, dass ich ja während der Wochen, in denen ich mich auf diesen Moment gefreut hatte, glücklich gewesen war. Und ich spann die Erfahrung weiter und dachte mir: Wenn man zum Beispiel einen tollen Urlaub vor sich hat, dann freut man sich monatelang darauf und ist glücklich. Und dann erfährt man, dass man aus irgendeinem Grund doch nicht fährt. Dann war man doch trotzdem monatelang guter Stimmung und es ging einem gut. Und mit Negativem geht das genauso. Ich glaube nicht, dass mein 4.Klässler-Gehirn es genauso formuliert hat, aber im Grunde hatte damals irgendetwas in mir erkannt:

Es sind gar nicht die Dinge selber, die uns unglücklich oder glücklich sein lassen, sondern unsere Vorstellung von den Dingen.

Und vielleicht mache ich mir diese Erkenntnis von damals viel zu selten bewusst in diesem Dickicht von Alltag, durch das ich mich Tag für Tag durchwinde. Hin und wieder wird es mir jedoch bewusst, so wie neulich:

Ich hatte sehr anstrengende Wochen und Monate hinter mir. Ein Hauskauf, eine Haussanierung, ein Umzug, dann wieder ein Wasserschaden im frisch sanierten Haus. Und dies mit all den Vorstellungen, die mit solchen Lebensereignissen einhergehen. Da unsere Kleine jetzt seit einigen Wochen in den Kindergarten ging, hatte ich ganz unerwartet einen Vormittag mit zwei/drei Stunden Zeit für mich. Und ich malte mir aus: eine Tasse Tee am Esstisch trinken, etwas lesen, ein bisschen Yoga. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so einen Vormittag vor mir hatte. Etwas in mir entspannte sich, und die Vorstellung fühlte sich ziemlich wohlig an. Dann klingelte das Telefon: Der Herr von der Wasserschaden-Sanierungsfirma käme heute Vormittag vorbei. Das wohlige Gefühl verflüchtigte sich, die Entspannung trat langsam den Rückzug an. Es eröffneten sich Vorstellungen, von Handwerker, die die Tapeten abreißen, Wände wieder aufkloppen und laute Entfeuchtungsgeräte aufstellen. Und trotzdem hatte ich bis zum Termin noch zwei Stunden Zeit. In der Realität hatte sich an den nächsten zwei Stunden nichts verändert. Ich hatte trotzdem Zeit für eine Tasse Tee und Yoga. Aber es fühlte sich nicht so entspannt an wie vorher. Und zwar einzig und allein aufgrund der Vorstellung, was danach passieren würde. Dabei kann man nun eigentlich wirklich nie wissen, was passiert. Vielleicht würde der Handwerker ja gar nicht kommen (eine Erfahrung, die ich in den letzten Monaten öfter gemacht hatte) und dann hätte ich mir meine schöne Teestunde durch die Vorstellung, dass er käme, vermiest. Und als ich das erkannt hatte, war es, als würde ein 9jähriges Mädchen mit einem aufblasbaren Delphin unter dem Arm mir ins Gesicht lächeln und mir ein paar Urlaubsreisen in der nahen Zukunft versprechen, nur damit ich für diesen Moment glücklich war.