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Wie es Wunder wirken kann, Gefühle zu benennen

„Heißest du Kunz?“ „Heißest du Heinz?“ „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

Unsere Tochter war noch nicht einmal zwei Jahre alt und sie steht im Flur vor der Haustür und weint. Ihre kleinen Hände halten sich an meinem Hosenbein fest, ihre Augen schauen zu mir auf. Mama soll nicht weggehen. Mama soll hierbleiben. Ich muss los, einen Yogakurs unterrichten. Mein Mann ist da, um auf die Kinder aufzupassen und meine kleine Tochter möchte mich nicht gehen lassen. Eine ganz gewöhnliche und alltägliche Situation. Und unser erster Impuls als Mutter ist es wahrscheinlich das Kind zu trösten, rein gewohnheitsmäßig kommen wahrscheinlich Worte über unsere Lippen wie: „Ach, kleine Maus. Die Mama kommt doch wieder. Das ist doch nicht so schlimm, wenn ich mal weggehe. Mit dem Papa wird es doch sicher auch schön.“ Aber haben wir jemals erlebt, dass solche Sätze dazu führen, dass es so aussieht, als würde es unserem Kind damit bessergehen? Eigentlich doch nicht, wenn wir ehrlich sind. „Naja, komm, vielleicht kannst du mit dem Papa ein bisschen Schokolade essen und fernsehen …“ Vielleicht würden solche Sätze helfen, aber wir müssen nicht Psychologie studiert haben, um intuitiv zu wissen, dass solche Methoden langfristig wenig hilfreich sind.

Ich atme einmal tief durch, trete ein Stückchen aus der Situation heraus und erkenne an, dass es eine nicht ganz leichte Situation für mich ist. Und dann knie ich mich zu meiner Tochter, nehme sie in den Arm und sage: „Du hast jetzt ein bisschen Angst, weil du dich unsicher fühlst, wenn die Mama weggeht.“  Mehr sage ich nicht, sondern halte nur diesen kleinen weichen Körper in meinen Armen. Und das Wunder passiert. Meine Tochter hört auf zu weinen, löst sich von mir, schaut mich an, winkt mir zu und verschwindet zu Papa ins Wohnzimmer. Ich bin selbst sehr erstaunt darüber, was hier gerade geschehen ist. Ich habe nichts anderes getan, als in einem Satz die Gefühle meiner Tochter in diesem Moment zu beschreiben. Ich habe noch nicht einmal ein „aber“ hinzugefügt oder ein „das wird schon.“

In diesem Moment durfte das Gefühl da sein, wurde gesehen und konnte wieder verschwinden.

Meine Erfahrung ist, dass diese Methode in meinem Umfeld geradezu Schrecken hervorruft: Eine Freundin hatte einen wichtigen Termin. Da sie niemanden für ihre beiden Jungs (2 und 5 Jahre) hat an diesem Nachmittag, kommen die beiden zu uns. Der 5Jährige, ich nenne ihn einmal Ben, hatte mich vorher höchstens drei Mal gesehen und war noch nie vorher bei uns gewesen. Meine Freundin muss los, um ihren Termin zu schaffen. Im Hintergrund schraubt der Küchenmonteur etwas in unserer Küche herum. Meine beiden Kinder flitzen durchs Haus. Der 2Jährige räumt die Legokiste aus. Ben möchte seine Mutter nicht gehen lassen. „Ach, Schatz. Ich glaube, das wird schön hier bei der Constanze. Du kannst doch mit den Kindern spielen. Und vielleicht könnt ihr auch etwas fernsehen.“, höre ich meine Freundin sagen. Ihr Großer klammert. Wir gehen zum Eingangsbereich. Ich schaue Ben in die Augen: „Ich kann das gut verstehen. Fühlt sich das jetzt nicht so gut an, wenn die Mama geht? Hast du etwas Sorge, mit uns alleine zu bleiben, weil du uns nicht kennst?“ Meine Freundin sieht mich an. Ich habe das Gefühl ihr Blick spiegelt Ungläubigkeit wider, dass ich das jetzt wirklich gesagt habe, als hätte sie Angst, dass dadurch, dass ich die Sorge von Ben benannt habe, sie erst recht groß würde. Aber in dem ganzen Getümmel von Handwerkern und Kindern scheint niemand zu bemerken, dass sich in diesem Moment bei Ben ein Schalter umgelegt. Er dreht sich um, geht ins Wohnzimmer und beginnt zu spielen.

Diese Haltung der Erwachsenen habe ich öfter erlebt.

Es scheint die Überzeugung zu herrschen, dass, wenn wir unseren Kindern ihre Ängste, Sorgen und Gefühle benennen, diese größer oder sogar erst herbeibeschworen würden.

Und wie oft habe ich gehört. „Nein, du hast doch keine Angst! Du bist doch ein großer Junge / großes Mädchen“. Meine Erfahrung ist allerdings, dass, wenn wir durch unsere Aussagen vorhaben, die Gefühle unserer Kinder klein- oder wegzureden, sie erst recht groß werden. Und das ist doch nur logisch, wenn wir bedenken, dass Gefühle wahrgenommen und gesehen werden wollen.

Und ich glaube, dass wir an den Reaktionen unserer Kinder sehr viel darüber lernen können, wie unsere eigenen Gefühle funktionieren; unsere eigenen Gefühle nämlich, die wir wahrscheinlich schon von Kindesbeinen an immer und immer wieder deckeln und unter den Teppich kehren wollen.

Und ich bin der Überzeugung, dass, wenn wir lernen, den Mut zu haben, unseren alltäglichen Gefühlen ins Gesicht zu sehen und sie zu bennenen, dass dann vielleicht in einem magischen Moment das Wunder passiert und sich alles auflösen kann, vielleicht ganz leise und unbemerkt oder mit einem lauten Tosen, wie beim Rumpelstilzchen:

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt,“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.

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