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Ein Motorschaden im Novemberregen und der jetzige Moment

 

„Breathe, relax, let go“ – unbekannt

 

Mein zehnjähriger Sohn hatte vergessen, die Berichtigung seiner Deutscharbeit zu machen. Diese Berichtigung hätte er, glaube ich, vor ungefähr 10 Tagen abgeben sollen. Er ist gestresst. Es ist halb sieben morgens. Um fünf vor sieben muss er hier aus der Tür sein, um seinen Bus zur Schule zu schaffen. Ich höre mich sagen: „Ich fahre dich.“ Dann müssen wir erst um halb acht los und er hat noch etwas Zeit. Es ist dunkelt draußen. November. Um halb acht steigen wir ins Auto. Es nieselt. Unten auf der Hauptstraße fängt das Auto an, komisch zu laufen. Im Display erscheint: Motor checken … Ich fahre auf die nächstgelegene Tankstelle. Jetzt muss er doch mit dem Bus fahren, wird zu spät kommen. Aber er hat seine Deutschberichtigung dabei. Meine kleine Tochter sitzt in ihrem Sitz auf der Rückbank. Die Routine läuft heute anders. Sie ist verunsichert. Ich habe mein Handy nicht dabei. Im Moment könnte ich es gut gebrauchen. In der Tankstelle bekomme ich ein Telefon. Ich rufe den ADAC an. Zu Fuß bringe ich meine Tochter in ihren Kindergarten. Es ist dämmrig und beginnt wieder zu regnen. Und dann bin ich wieder bei der Tankstelle. Ich schaue in meine Tasche. Portemonnaie habe ich dabei und es ist auch Geld drin. Juhu! Ich bestelle mir einen Kaffee und eine Laugenecke und setze mich. Im Kopf denkt es: „Scheiße: in einer halben Stunde muss ich an der VHS sein und Yoga für Fortgeschrittene unterrichten. Das schaffe ich nicht mehr. Selbst, wenn der ADAC jetzt käme. Heute Nachmittag haben der Achtsamkeitsarzt und ich einen Supervisionstermin bei unserem Meditationslehrer in Köln. Den Termin hatte ich als sehr wichtig eingestuft. Wie soll ich da heute Nachmittag ohne Auto hinkommen? Die Oma kommt, um auf die Kinder aufzupassen und hat eigentlich schon zu wenig Zeit dafür.“

Es läuft suboptimal gerade!

Ich schaue noch einmal in meine Tasche. Ich sehe ein kleines Büchlein. Ajahn Brahm: „Öffne die Tür zu deinem Herzen“. Juhu, ich habe etwas zu Lesen dabei. Während ich das Buch aufschlage und ich den ersten Schluck Kaffee nehme, merke ich, dass hier irgendetwas ganz gut ist. Ich sitze im Warmen, trinke Kaffee, lese und muss für die nächste Zeit bis der ADAC-Mann kommt, nirgendwohin. Und ich lese die letzten Kapitel aus dem Buch „Öffne die Tür zu deinem Herzen“. In diesen Kapiteln geht es um den nörgelnden Geist, der zu vermeiden ist. Wenn ich in diesem Moment den nörgelnden Geist vermeide, dann kann ich sehen, dass ich mich in einem segensreichen Moment befinde, dass mir in diesem Moment mehr geschenkt wird, als ich brauche. Eine Tasse Kaffee, eine Laugenecke, ein Dach über dem Kopf. Jemand, der mir ein Telefon reicht und mir ein mitfühlendes Lächeln schenkt. Ich lese weiter: „… Sobald Sie erkannt haben, dass Nörgeln Sie in die falsche Richtung lenkt, lernen Sie es ein für alle Mal zu vermeiden. Denn bei Weitem produktiver ist es, die Vergangenheit einfach loszulassen oder – was noch besser wäre – ausschließlich ihre angenehmen Aspekte zu erinnern. Aus der Rückschau auf die schönen Dinge, Erfolge und Glücksmomente, können Sie nämlich bedeutend mehr lernen als aus Ihrem Leiden.“ Und in diesem Moment übe ich genau das. Ich lasse von der unmittelbaren Vergangenheit los (Das Auto ist kaputt). Und ich lasse auch die Zukunft los (ich werde heute Nachmittag meinen Termin in Köln absagen müssen). Und ich tauche ein in den jetzigen Moment. Und es ist warm und wohlig und entspannt. Für diesen Moment.

Meine Welt hat sich verwandelt,

von einer Welt, in der Autos unzuverlässig sind und ich auch (weil ich nicht zum Yoga-Unterrichten erscheinen werde und auch für heute Nachmittag in Köln absagen werde), von einer Welt, in der es kalt und novembrig ist, in eine Welt, in der es mir gut geht und in der mir geholfen wird, von Tankstellenmitarbeiterinnen und vom ADAC.

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