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Wer bin ich eigentlich oder die hunderttausend Rollen, die wir spielen

Neulich in einem unserer MBCT-Kurse sagte ein Teilnehmer: „Ich spüre, dass ich manchmal dieses kleine verletze Kind bin und dann bin ich wieder der Erwachsene, der in Perfektion seiner Arbeit nachgeht. Wer bin ich denn eigentlich?“ Und tatsächlich ist dies ja eine so etwas von interessante Frage, die sich aber natürlich schwerlich beantworten lässt. Ich meine, dass das Auftauchen dieser Frage allein schon zeigt, dass wir an irgendetwas dran sind. Wir spüren, dass wir im Alltag mit bestimmten Rollen identifiziert sind und dass diese Rollen aber gar nichts festes haben. In diesem Moment bin ich Mutter und im nächsten Kundin im Supermarkt. Ich bin Ehefrau, Tochter, Schwiegertochter, Schwester, Yogalehrerin, Angestellte, Honorarkraft, und vieles vieles mehr. Wir spielen unsere Rollen. Und das hört sich an, als wäre es etwas Freiwilliges und Bewusstes. In Wahrheit aber spielen wir in unserer Unwissenheit unsere Rollen so zwanghaft, dass es fast ist, als würden wir von unseren Rollen gespielt. Und es bedarf manchmal erst mehr oder weniger dramatischer Ereignisse, die uns aus unseren Rollen herauskatapultierten, damit wir überhaupt wach dafür werden, dass wir blind und ohne irgendein Bewusstsein unsere Rolle gespielt haben.

Ich mag es, wenn im Alltag Menschen ganz leise aus ihren Rollen heraustreten oder etwas tun oder sagen, was mir zuflüstert, dass ich nur eine Rolle gespielt habe, ohne es zu wissen.

Letztes Jahr ging es mir so, als ich eine Küche kaufen musste und in einem Küchenstudio (Vater-Sohn-Familienunternehmen) angerufen haben. „Ja, guten Tag. Ich glaube, ich wollte Ihren Sohn sprechen.“ „Räusper. Ja… Den Christian?“ Als würden noch ungefähr ein bis zwei andere Söhne dort herumlaufen und auf eine irgendwie magische Art und unerwartet deutlich fühlte ich, dass ich nicht mit einem Küchen-Verkäufer sondern mit einem Vater sprach. Und es fühlte sich an, als würde man damals zu Schulzeiten, als man noch zu Hause bei seinen Eltern wohnte, samstags nachmittags mit dem Vater eines Freundes sprechen. Diese Rolle fühlte sich tatsächlich besser an als die der etwas angespannten und leicht überforderten Kundin im Küchengeschäft. Die eine Rolle war offensichtlich nur fiktiv und die andere ja durchaus nur temporär, denn im nächsten Moment lege ich auf und wische als Mutter die umgekippte Apfelschorle vom Tisch. Keine dieser Rollen bin ich ja ganz oder im absoluten Sinne. Wie oft verkennen wir den relativen Charakter unser Rollen im Alltag. Und wie oft lassen wir uns durch und durch unbewusst in bestimmte Rollen drängen. Glauben wir nicht nur, in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zeiten bestimmte Rollen zu sein?

Besonders schmerzhaft kann es werden, wenn wir mit den Rollen unserer Emotionen verschmelzen und vielleicht sogar auch noch Prognosen für die Zukunft abgeben. „Ich werde immer ein jähzorniger Mensch bleiben.“ „Ich bin eben ein Depressiver.“ „Das Zwanghafte an mir werde ich nie ablegen können.“ Wir identifizieren uns mit unseren Emotionen und zurren ein Bild unserer selbst fest, ein Selbstbild, das uns einengt wie ein Korsett: „Ich bin eben der Schwierige der Brüder. Mit mir hat es keinen Sinn.“

Rückblickend kann ich erkennen, wie oft ich in der Vergangenheit versucht habe, mich in bestimmte Rollen zu drängen, weil MAN es eben so macht. Und rückblickend kann ich sehen, dass dieses Mich-in-eine-Rolle-Zwängen so leidvoll war, wie das Tragen eines viel zu engen Korsetts. Aber darüber möchte ich in einem gesonderten Beitrag schreiben.

Meine Erfahrung ist, dass die Praxis von dem, was wir Meditation und Achtsamkeit nennen, uns ein bisschen Luft gibt und Platz, um die Rollen, die wir in unserem Leben spielen, aufzudecken, und um zu erkennen erkennen, wie wir verschiedene Rollen spielen oder vielleicht sogar von ihnen gespielt werden. Und wenn wir das sehen, können wir vielleicht tiefer durchatmen und uns selber spüren außerhalb unserer Rollen, vielleicht einfach uns spüren, als Mensch mit der Fähigkeit zum Wohlwollen und zur Großherzigkeit uns selber (wer auch immer wir außerhalb dieser Rollen sein mögen) gegenüber und auch allen diesen Rollen gegenüber, die wir in unserem Gegenüber erkennen.

Dieser Artikel wurde inspiriert von dem Buch „Mit dem Geist eines Buddha“ von Karuna Cayton

 

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