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Wie zur Hölle geht das eigentlich, das Loslassen?

„Loslassen kostet weniger Kraft als festhalten. Und dennoch ist es schwerer.“ Detlev Fleischhammel.

In der Achtsamkeit, das haben viele von uns schnell kapiert, geht es um das Loslassen. „Lass einfach los!“, so lautet oft die Anleitung. Gedanken loslassen, die Vergangenheit loslassen, Verhaltensmuster loslassen und dann natürlich Lieben, die nicht in glücklichen Beziehungen endeten, loslassen. Loslassen, loslassen, loslassen…

„Ja, ich weiß ja, die Vergangenheit ist vorbei und nicht mehr hier.“, sagte letztens eine Teilnehmerin, aber ihre Augen waren eng und ihre Hände angespannt. Und es wirkte so, als würde sie mit aller Macht, die Vergangenheit von sich weisen wollen und sich gleichzeitig dafür verurteilen, dass sie es nicht schaffte loszulassen. Ich glaube, hier liegt ein großes Missverständnis. Wir verwechsel Loslassen mit Vergessen und Verdrängen. Wir schieben unsere Erinnerungen beiseite, schieben sie ins Unbewusste. Und von hier haben sie weiterhin und ganz unbehelligt Gelegenheit uns zu beeinflussen, ohne dass wir es wahrnehmen. Ich glaube, dass das Loslassen oft viel prozesshafter ist als uns vielleicht lieb ist. Und mit prozesshaft meine ich, dass das Loslassen ein Prozess des Durchlebens ist. Wir gehen noch einmal durch unsere alten Geschichten, die wir uns erzählen, hindurch, treten in Kontakt mit unseren Gefühlen und „durchfühlen“ sozusagen noch einmal unsere Geschichte. Das bedeutet, dass wir unserer Geschichte auf einer anderen Ebene begegnen und etwas anderes in uns als unser Intellekt die Vergangenheit verarbeitet. Und dann kommt auf einmal vielleicht Verständnis und das Vergangene hat uns nicht mehr ganz so stark im Griff und vielleicht kommen wir dem ein Stückchen näher, was wir unsere uns innewohnende Weisheit nennen. Und dann ist das Loslassen kein Kraftakt und etwas, das wir aktiv tun. Dann ist es eher so, als würde die Vergangenheit uns loslassen und sich auflöst oder besser gesagt sich verwandeln in Verständnis und Mitgefühl. Aber das bedeutet immer, dass wir uns unseren Gefühlen stellen. Und vielleicht klingt „uns unseren Gefühlen stellen“ irgendwie so negativ, als müssten wir uns unseren Gefühlen ausliefern. Es kann helfen, unsere Gefühle eher als Kinder zu betrachten, die nach unser Aufmerksamkeit verlangen.

Dass wir uns beschäftigen sollen mit unseren unangenehmen Gefühlen, hört sich zunächst einmal nicht nach einer besonders guten Nachricht an.  Und die Vorstellung wieder in Kontakt zu kommen mit unseren vergangenen Traumata kann verständlicherweise Ängste auslösen. „Öffne dich einfach und vertrau auf das, was kommt!“ ist hier kein hilfreicher Rat. Denn tatsächlich gibt es das Phänomen der Retraumatisierung: wir durchleben unsere Vergangenheit nur noch einmal, ohne dass sich in unser Haltung etwas verändert.  Wenn wir uns unseren alten Gefühlen öffnen wollen, ist es wichtig, die Grundvoraussetzungen dafür zu schaffen: eine Grundstabilität und ein sicherer Ort, von dem aus wir das Abenteuer starten können, ein sicherer Hafen sozusagen, in den wir zurückkehren können, wenn die Stürme und Wellen unserer Gefühle drohen uns zu überwältigen. Und es ist wichtig zu wissen, dass wir kontrollieren können, inwieweit wir uns unserer Gefühle öffnen. Wir können kontrollieren, ob wir den großen Zeh ins Wasser halten, bis zu den Knien ins Wasser waten oder komplett hineinspringen, weil wir wissen, dass wir schwimmen können. 

Wenn wir das machen, wenn wir den Mut und die Energie aufbringen können, an einem geschützten und sicheren Ort in uns, den Dämonen und Prinzessinnen unserer Vergangenheit zu begegnen, dann wächst vielleicht nicht beim ersten Mal und vielleicht auch noch nicht nach drei Wochen aber in einem Moment in zeitloser Zeit ein Verständnis in uns heran, was so viel tiefer und umfassender ist, als wir es je für möglich gehalten hätten. Und es kann sein, dass wir verstehen, dass in Wahrheit das Loslassen kein Willensakt ist, sondern dass das Loslassen für uns geschieht, wenn wir bereit sind es zuzulassen und dass nur das uns verlässt, was wir auf einer anderen als der Verstandes-Ebene durchdrungen haben.

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