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Die Stimme aus dem Off: unser innerer Kritiker sitzt uns auf dem Schoss

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das von sich eine schlechte Meinung hat. – George Berbhard Shaw

Ich liebe eine angeleitete Meditation von Jon Kabat-Zinn, die „Mindscape“ heißt. In dieser Meditation geht es darum, Gedanken in ihrem Entstehen zu erkennen und dann gehen zu lassen. Die Gedanken werden gesehen wie Blasen, die in einem Topf mit heißem Wasser am Boden entstehen, dann aufsteigen und von selber zerplatzen. Wenn wir die Gedanken nicht festhalten, befreit der Geist sich selber von diesen Gedanken, indem er sie wie Blasen zerplatzen lässt. Und Jon Kabat-Zinn benutzt in dieser Meditation Formulierungen, in die ich mich vom ersten Moment an verliebt habe (verliebt natürlich ohne Anhaften, das ist ja klar ;-)): „… während wir die Gesamtheit des Geistes bewohnen, die grenzenlose Essenz des Geistes, die schon längst weiß, vor den Gedanken, jenseits der Gedanken, die größer ist als alle Gedanken, größer als jedes Gefühl, wie stark es auch sein mag,…“

Und dann gelingt es von Zeit zu Zeit, dass ich in dieser Meditation die grenzenlose Essenz des Geistes bewohne. Gedanken kommen und gehen, Bilder kommen und gehen, Emotionen kommen und gehen, Körperempfindungen kommen und gehen, und ich betrachte all das und sehe, dass es nicht die Wahrheit ist. Und dann die Stimme ganz hinten aus dem Off: „Sitz mal wieder etwas gerader, sonst bekommst du vielleicht wieder die Rückenschmerzen.“ oder „Ne, jetzt bist du aber schon wieder mit den Gedanken abgeschweift. Komm mal wieder zurück. Heute klappt es aber doch eigentlich nicht so gut wie am letzten Donnerstag!“ Und unwillkürlich rücke ich mich vielleicht zurecht und richte meine Wirbelsäule auf oder suche mir wieder den Atem als Anker, so als wären diese Kommentare nicht auch nur Gedanken aus dem Topf mit kochendem Wasser, so als wären diese Gedanken die Wahrheit; Gedanken, die ich akzeptiert habe, weil ich irgendwie verinnerlicht habe, dass sie mir helfen, besser zu meditieren und besser zu werden. Ganz so als würde ohne diese Gedanken aus dem Off der so dringend notwendige Prozess der Selbstoptimierung nicht funktionieren.

Oft sind wir mit dieser Stimme aus dem Off dermaßen identifiziert und haben sie so akzeptiert, dass es uns schwer fällt einen bewussten Abstand zu ihr herzustellen. In meinem Beispiel war die Stimme noch recht freundlich, aber häufig kann diese Stimme, mit der wir so eng leben, viel unangenehmer werden. In ihren Worten schwingt Augenrollen mit. Und ihre Wortwahl ist verletzend.

Vor kurzem sagte eine Teilnehmerin im Achtsamkeitskurs: „Ich konnte mich fast überhaupt nicht auf den Bodyscan konzentrieren, weil ich immerzu daran denken musste, dass ich vergessen hatte, die Parkscheibe in mein Auto zu legen. Das ist doch bescheuert.“

Eine andere Teilnehmerin, die sich derzeit in einer belastenden privaten Situation befindet, sagte neulich: „Manchmal sage ich mir: „Bist du denn eigentlich bescheuert? Jetzt höre doch mal auf, dir über alles so einen Kopf zu machen!““

Offensichtlich scheint es nicht zu reichen, dass wir uns in einer unangenehmen oder belastenden Situation befinden, es kommt eine Stimme dazu, die uns noch dafür verurteilt („Du bist doch bescheuert!“), dass wir uns Sorgen machen.  Und da diese Stimme ja verspricht, dafür zu sorgen, dass es uns besser geht, da sie den Anschein macht, uns so zu regulieren, dass wir besser leben können, halten wir ihre Worte für die Wahrheit und nehmen sie für bare Münze. In Wirklichkeit aber, haben wir nur einmal mehr einem Gedanken Glauben geschenkt, der uns abwertet. Und ich lade jeden dazu ein, im Körper nachzuspüren, wie sich der Gedanke „Du bist doch bescheuert“ anfühlt. Und ich möchte wetten für die meisten von uns NICHT gut.

Am häufigsten begegne ich dieser Stimme, die wir wohl auch unseren inneren Kritiker nennen können, im Haushalt. „Fenster nicht geputzt! Müsste längst passiert sein.“ „Wie sieht es denn hier eigentlich aus! Hättest du doch schon längst …“ „Dies und jenes solltest du aber wirklich bald mal …“ Und dann fällt krachend und niederschmetternd (erstaunlicherweise aber ohne weiteres akzeptiert und verinnerlicht) das Urteil: Ich bin eben unorganisiert.  Und obwohl ich wahrscheinlich zahlreiche Bereiche in meinem Leben aufführen könnte, in denen es ziemlich organisiert ist, habe ich die Tendenz dieser Stimme zu glauben. Denn ich denke, dass diese strenge Stimme mich dazu bringen wird, irgendwann einmal ausreichend organisiert zu sein, und mich dazu bringen wird, mich in der fernen Zukunft irgendwann einmal zu perfektionieren. Wann genau es soweit sein wird, ist offen.

Psychologen sagen uns, dass diese Stimme eine Stimme aus der Kindheit ist, beziehungsweise, die verinnerlichte erzieherische Stimme von Vater und Mutter. Und sie raten uns dazu, dieser Stimme keinen Glauben zu schenken und sie gehen zu lassen. Dies aber ist natürlich leichter gesagt als getan, vor allem dann, wenn wir in vielen Fällen noch nicht einmal mitbekommen haben, dass wir dieser Stimme mal wieder auf den Leim gegangen sind. Wir haben sie schlicht und ergreifend nicht als inneren Kritiker wahrgenommen, weil wir uns einmal mehr mit ihr identifiziert haben. Bevor wir also damit anfangen können, sie überhaupt Mutter oder Vater oder wem auch immer zuordnen zu können, müssen wir sie erst einmal herauslösen, ähnlich wie ein Chemiker einen Stoff aus einer Flüssigkeit mit Hilfe eines Lösungsmittels extrahiert. Und unser Lösungsmittel ist die Achtsamkeit, das Still-Werden, das Raum-Geben. Und letzteres darf meiner Meinung nach nicht unterschätzt werden. Wir müssen wissen, dass wir nicht versuchen sollten, diese Stimme wegzudrücken (weil wir ja jetzt herausgefunden haben, dass sie sowieso zu nichts taugt und ein Relikt unserer Kindheit ist als wir noch abhängig waren von wem auch immer). Vielmehr sollten wir diese Stimme einladen zu sprechen. Denn nur so können wir sie ja tatsächlich einmal wirklich kennen lernen. Und nur so können wir vielleicht erkennen, dass sie trotz allem auf eine sehr verirrte und wahnsinnige Art unser Bestes und unseren Schutz will und wahrscheinlich aus der Angst geboren ist. Und nur so können wir aus den Kinderschuhen herauswachsen und tatsächlich erkennen, dass auch diese Stimme nichts anderes beinhaltet als Gedanken, Absonderungen des denken Geistes und wenig zu tun hat mit der Gesamtheit des Geistes, der grenzenlosen Essenz des Geistes, die schon längst weiß, vor den Gedanken und jenseits der Gedanken und wir sie zu betrachten haben mit der Gewichtigkeit des Gedanken daran, was wir vor drei Tagen zum Abendessen gegessen haben.

Eine simple Übungen wäre, im Alltag einfach nur zu betrachten, wann unserer innerer Kritiker spricht, ob er aus dem Off kommt und uns direkt auf dem Schloss sitzt und dann dann zu fühlen, wie es ist, diesem Gedanken Glauben zu schenken. Wie fühlt sich der Körper mit diesem Gedanken? Ich glaube, es ist wichtig, diese Schritte nicht zu überspringen, wenn wir dann in einem nächsten Schritt dem Inhalt dieser Kritik sagen: du bist ebenso relevant wie mein Abendessen vor drei Tagen!

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