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Achtsamkeit produziert keine besseren Menschen, sagt eine Studie

Jetzt habe ich im Ärzteblatt einen Artikel vom Anfang diesen Jahres gelesen, in dem es heißt: Aggressionen, Vorurteile oder soziale Kompetenzen lassen sich mittels Meditation nicht beeinflussen. Studien, die in der Vergangenheit meinten, bewiesen zu haben, dass Meditation gütiger und barmherziger mache, wiesen allesamt methodische Schwächen auf. Eine Metastudie eines internationalen Forscherteams zeige: Das Meditieren macht niemanden zum einem besseren Menschen.

Ok, soweit so interessant. Dieser Artikel bestätigt, was ich irgendwie schon länger vermutet habe: ohne Ethik und ohne Taten geht es nicht. Nun ist es ja meines Erachtens nach auch irgendwie ziemlich naiv zu glauben, dass sich Menschen nur für einige Minuten am Tag hinsetzen müssen und den Fokus auf dem Atem halten und schwups sind sie nach wenigen Monaten bessere Menschen, die weniger aggressiv und deutlich mitfühlender sind.

Achtsamkeit wird manchmal oder vielleicht sogar häufig verstanden als eine Methode, alles so sein zu lassen wie es ist und als eine Methode, die uns anleitet, die Dinge einfach nur passiv zu beobachten, ohne zu unterscheiden, was richtig und was falsch ist.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großes Missverständnis. Der erste Schritt in der Achtsamkeits-praxis ist tatsächlich, sich die Dinge einmal so anzuschauen, wie sie in mein Erleben kommen, ohne zu verdrängen, wegzudrücken und nicht wahrhaben zu wollen. Aber hier bleibe ich nicht stehen. Diese Weite und dieser Raum ermöglicht mir zu sehen, was geschieht und erlaubt mir, meine Muster zu erkennen, meine Trigger zu identifizieren und zu sehen, welche Kreisläufe immer und immer wieder ablaufen. Und dann kann ich bewusst entscheiden, welchen Impulsen ich eigentlich folgen möchte und welchen nicht. Und diese Freiheit macht mich wohl nicht zu einem besseren Menschen und führt meiner Erfahrung nach auch nicht dazu, dass ich weniger Wut habe oder dass ich ständig im Meer von Mitgefühl schwimme.

Vielleicht führt sie aber Schritt für Schritt dahin, allmählich deutlicher zu erkennen, was mich wütend macht und was mich mitfühlend macht. Und Hand in Hand mit einer klar definierten Ethik und einem bewusst kultivierten Unterscheidungsvermögen, mit Tatendrang und Verantwortungsbewusstsein eröffnet mir die Achtsamkeit dann vielleicht die Möglichkeit, das Gute zu kultivieren und das Schlechte eben nicht.

Und deswegen ist die Achtsamkeit nichts, was uns permanent mitfühlend macht und aggressionslos, sondern eine Methode, dahinter zu kommen, was uns wie ticken lässt und so ein lebenslanges Abenteuer. 

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