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Was ist denn eigentlich Yoga? Oder: Sind wir auf dem Yogaholzweg?

Heißt es denn eigentlich der Yoga oder das Yoga?  Er oder es ist irgendwie landläufig bekannt. „Ja, habe ich auch schonmal gemacht.“ „Yoga? Habe ich noch nie probiert, bin so ungelenkig.“ „Yoga, ja entspannt mich total.“ Aber was ist es und was soll das eigentlich?

Ich weiß nicht, ob ich mir mehr oder weniger bewusst war, was Yoga für mich war, als ich vor fast elf Jahren mit der Yogalehrer-Ausbildung begonnen habe. Irgendwie wusste ich, dass Yoga mehr ist als reine Gymnastik-Übungen und ich wusste, dass es irgendeine vergessene Seite in mir zum Klingen brachte und ich wusste, dass es in mir eine Ahnung weckte nach etwas, das tiefer ging. Und ich erinnere mich, dass mich damals mal eine Bekannte fragte, was denn eigentlich Yoga nun wirklich wäre und wie die Definition von Yoga sei. Und ich erinnere mich, dass ich bei der Beantwortung dieser Frage ein bisschen unsicher wurde und ich sagte vielleicht irgendetwas von Übungsweg, der zur Gesundheit führt. Aber irgendwie was das immer schwammig. Ja klar, die Klugen kommen jetzt mit der Erklärung, dass das Wort „Yoga“ aus dem Sanskrit kommt und übersetzt wird mit „Joch“. Ok und dann gibt es viele kluge Erklärungen, wie man dieses „Joch“ jetzt zu verstehen hat, dass es ums Anjochen geht oder im weitesten Sinne um Verbindung, dass wir den Geist mit dem Körper verbinden oder uns mit der Welt … Aber machen wir das denn tatsächlich, wenn wir uns auf unser schicken Yogamatte nach vorne beugen und merken: Ups meine Fingerspitzen erreichen wenn überhaupt den Boden dann nur mit Ächzen und einem ziemlich krummen Rückgrat! Verbinden wir unseren Geist mit dem Körper, wenn wir dann anfangen zu urteilen: „Mensch, ich sitze aber auch zu viel vor dem Computer und meine Beinrückseiten sind total verkürzt. Jetzt sehe ich, dass die Frau neben mir auf der Matte das mal echt viel besser hinbekommt. Die ist viel beweglicher als ich. Das ist wohl auch so eine, die Spagat ohne Probleme hinbekommt. Deren Körper ist viel gesünder als meiner. Und ihre Yogahose sieht auch ziemlich nice aus … Wo sie die wohl gekauft hat? …“

Vor einigen Jahren habe ich eine Fortbildung bei Philip Lemke besucht, und er stellte uns die Frage, was denn eigentlich Yoga von Akrobatik oder anderen Bewegungsprogrammen unterscheide. Es wurde in der Gruppe etwas rumgerätselt und seine Antwort war dann, dass die Körperübungen, die wir im Yoga ausüben, immer nur einem höheren Zweck dienen, dass es im Yoga grundsätzlich nur darum geht (und das sind jetzt meine Worte, denn die Fortbildung liegt schon so lange zurück, dass ich mich seiner genauen Worte leider nicht mehr erinnere … er möge mir das verzeihen), den Geist zu erkennen und aufzuwachen aus unsere alltäglichen Trance. Das hat mich ziemlich angesprochen. Und etwas provozierend sagte er, dass jeder Yogalehrer und jede Yogalehrerin überdenken sollte, ob er oder sie sich so nennen sollte, wenn es bei ihm oder ihr um reine Körperarbeit ginge. Der Widerstand dieser Aussage gegenüber war in der Gruppe wirklich zu spüren!

Ich habe manche Yogaübende in den Kopfstand geführt, in den Handstand oder in das volle Rad. Aber in den letzten Jahren wird das immer weniger. Warum? Weil, ohne dass ich es anvisiert habe, Menschen in die Yogastunden kommen, die von mir unterrichtet werden, die dies nicht brauchen. Ich sitze oft vor Yoga-Gruppen, deren Teilnehmer über 60 und sogar über 70 sind. Manche der Teilnehmer haben tiefgreifende neurologische Probleme. Manche leiden unter Traumafolge-Störungen und können ihren Körper nur schwer spüren. Manche sind übergewichtig und viele sind niedergeschlagen und depressiv. Also die Menschen, die ich in den Yogastunden kennenlerne, sind leid-erprobt. Sie kennen das Leid sehr genau und ich habe festgestellt, dass von ihnen eine Würde ausgeht, die mich bescheiden werden lässt und die mich die Nichtigkeit eines Kopfstands (so sehr ich ihn auch schätze) oder eines vollen Rades lehrt.  Und es waren vielleicht vor allem auch diese Menschen, die mir zeigten, was Yoga für mich wirklich ist:  Meditation in Bewegung als ein Weg, der aus dem Leiden in die Freiheit führt.

Im Yoga kümmern wir uns um unseren Körper, in welchem Zustand er sich auch immer befinden mag, und über den Körper, der sich immer im Hier und Jetzt befindet, finden wir den Zugang zu unserem Geist und geben uns die Möglichkeit zur Erkenntnis. Zur Erkenntnis über unsere Impulse, über unsere Konditionierungen und unsere Muster. Und im Endeffekt zur Erkenntnis über unser Leid und unser Menschsein. Und dann auf Basis dieser Erkenntnis führt uns unser Yogaweg vielleicht Stück für Stück in die Freiheit.

Und der aufmerksame Leser meint jetzt vielleicht, also haben die Klugen, die Yoga als Verbindung von Körper und Geist definieren ja eben doch recht. Ja, genau! Dankeschön. Aber ich denke, wir müssen es erleben, um wirklich zu verstehen, was damit gemeint ist, nämlich dass das Schielen auf die Nachbarmatte und der anvisierte Spagat und der Kult um die Yoga-Produkte fast genau das Gegenteil von eben dem Weg in die Freiheit ist, der für alle da ist. Dass Bewerten und Urteilen und Sich-als-unzulänglich-Fühlen und Schöne-Yoga-Sachen-Haben-Wollen genau das Gegenteil von Yoga ist und jede Yoga-Praxis daraus hinausführen sollte und nicht hinein.

Ich glaube, dass Bryan Kest eine ziemlich brauchbare Definition von Yoga liefert, wenn er über sein „Power Yoga“ sagt: „Yoga hilft uns zur Handlungsfähigkeit zu kommen, und das schließt ein, die kraftvollen Qualitäten zu entwickeln, die Menschen dazu bringt Wohlsein und Heilung zu kultivieren. Und diese sind die gleichen Qualitäten, die alle Beziehungen auf der Welt verbessern und Stress reduzieren – Freundlichkeit, Ruhe Geduld, Bescheidenheit, Mitgefühl und Dankbarkeit.“ Wenn wir diese Qualitäten auf der Matte nicht kultivieren, sondern der Ansicht aufgesessen sind, dass es uns besser gehen wird, wenn wir im Grätschsitz die Stirn auf den Boden auflegen können, dann sind wir auf dem Holzweg.

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