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Das Denken pflastert die Wege in die Depression

Ich glaube, wir verlassen uns ziemlich oft auf unseren Verstand, wenn wir Probleme lösen wollen. Irgendwo im Hinterkopf hören wir vielleicht auch unterschwellig Sätze wie: „Jetzt sei doch mal vernünftig“, „Reagier doch nicht so emotional“ „Denk doch mal nach!“.

Als Kind und als Jugendliche habe ich nach und nach gelernt, dass mein Verstand eigentlich ziemlich gut funktionierte. Ich konnte mich irgendwie ganz gut auf ihn verlassen. Ich hatte gemerkt, dass, selbst wenn ich für Mathe nicht richtig gelernt hatte, ich mich in der Klausur vor die gestellte Aufgabe setzen konnte und mir unemotional die Lösungen rational erarbeiten konnte. Solche Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich nach und nach meinen Gefühlen misstraute und meinem Denken vertraute. Die Gefühle, die eine ziemliche Achterbahnfahrt sein konnten, fühlten sich überwältigend an, das Denken schaffte Struktur und Lösungen und Rettungsanker.

Ich hatte vor ziemlich vielen Dingen Angst. Das Denken diskutierte die Angst weg. Ich war ziemlich oft tief traurig und verletzt. Das Denken suchte Lösungen. Ich war manchmal so glücklich, dass ich nicht auf diesem Planeten ging, sondern darüber schwebte. Das Denken sagte mir, so müsse es jetzt bleiben.

Dinge passierten in meinem Leben und ich wendete mich dem Denken zu, als würde ich fragen: „Und was sagst du dazu? Bitte einordnen! Bitte ein festes Bild von diesem Leben zusammenstellen, damit ich weiß, was noch auf mich zukommen wird und ich gewappnet bin!“

Was ich mit dieser Strategie bezweckte, war natürlich allen negativen Emotionen auszuweichen und in positiven Gefühlen so lange wie möglich zu verharren. Und diese Strategie ist ja im Grunde so menschlich und passiert ja so ganz intuitiv: Wir versuchen, dem Negativen auszuweichen und uns das Positive herbeizuholen. Aber wenn ihr ein bisschen dem Leben zugeschaut habt, dann wisst ihr sicherlich, dass dies bei emotionalen Zuständen eben nicht möglich ist. Wir erleben Häßliches und Katastrophales. Und dann erleben wir wieder Beglückendes und Erhebendes. Das Leben fließt und wabert zwischen diesen Polen von Glück und Unglück hin und her.

Meine Strategie, dem Denken die Oberhand zu geben und ihm die Kompetenz zuzuschreiben, mich vor dem Schlimmsten (meinen eigenen Emotionen) zu bewahren, führte mich rückblickend betrachtet auf die Lederstühle von Frauen, die beispielsweise Sabina Glasmacher hießen und Psychotherapeutinnen und Psychiaterinnen waren. Mit anderen Worten, diese Strategie ging nicht auf und führte mich geradewegs in die Depression hinein.

Heute mache ich es umgekehrt. Ich misstraue meinen Gedanken und vertraue meinen Gefühlen. Nicht immer. Manchmal merke ich, wie ich in meine alten Muster hineinrutsche. Manchmal sitze ich im Auto und überlege, wo ich nun einkaufen soll: Aldi, Edeka, Rewe oder der Bioladen? Ich erwäge die Vor- und Nachteile: Plastikverpackungen, Entfernung, Preis, Behandlung der Mitarbeiter, Behandlung der Zulieferer. Und dann merke ich, dass ich versuche das zu treffen, was man auf Englisch „informed decision“ nennt. Und mir fällt auf, dass ich das nicht kann. Ich versuche mir zu erschließen, was schädlicher für diesen Planeten ist, die Plastikverpackung oder die mehr gefahrenen Kilometer. Und mir geht auf, dass ich das in diesem Moment nicht leisten kann.

Ich habe inzwischen erfahren, dass dieses Verhalten des Überdenkens typisch ist für Menschen, deren Geist recht gut funktioniert und die intellektuell leicht stimulierbar sind. Also mache ich mir darum weiter keine Sorgen und verlassen mich auf meine Intuition. Fahre zu Aldi oder zum Bioladen, mache das Radio dabei an oder nicht. Lasse die Gedanken fallen und fühle diesen Körper. Und weiß, dass diese Strategie mich immer aus der Depression herausgeführt hat. Nicht das Denken ist die Lösung, sondern das Spüren. Das Spüren, von dem, was in diesem Moment tatsächlich da ist: der Kontakt zum Boden, das Schlagen des Herzens, der Fluß des Atems. Und wenn ich mich dahin zurückbesinne, dann beginnt irgendetwas in mir wieder zu fließen: Das Leben.

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