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Magische Sätze

Es gibt sie wirklich, die Zaubersprüche, die unsere Realität in wenigen Minuten radikal verändern und wir müssen noch nicht einmal ein „hex hex“ anhängen.

Vor einigen Tagen ist meine kleine dreijährige Tochter mit schlechter Laune aufgewacht. Das war in der letzten Zeit selten passiert. An diesem Morgen wurde mir bewusst, dass ich das allmorgendliche Lächeln und Aus-dem-Bett-Springen wohl als zu selbstverständlich hingenommen hatte. An diesem Morgen sah die Welt für meine Tochter anders aus und damit für mich auch. Nichts war recht, alles war schlimm und wurde mit runtergezogenen Mundwinkeln und Nörgeleien quittiert. Sie dazu zu bringen sich anzuziehen oder sich die Zähne zu putzen war vergleichbar mit dem Versuch, einem Esel das große Einmaleins beizubringen.  Meine Strategien: „Ach komm, wenn du einmal richtig wach bist, dann geht’s bestimmt. Du gehst doch sonst immer gerne in den Kindergarten.“  „Du bist einfach noch müde, wenn wir einmal draußen sind, wird’s bestimmt ok sein.“ Und ich zog noch einige dieser Phrasen aus dem Hut und „Ein bisschen zusammenreißen, könntest du dich aber.“ war bestimmt auch dabei. Sie stand in der Küche, als ich mich auf einmal an Ajahn Brahm erinnerte, der in einem seiner Bücher erzählt, dass er Zertifikate für Grummerlichkeit ausstellt. Über diese Zertifikate erhält man offiziell die Erlaubnis, übellaunig zu sein.  Und dann sagte ich zu ihr: „Weißt du was! Es ist ok. Du kannst heute den ganzen Tag schlecht gelaunt sein. Ich erlaube es dir.“

Die schlechte Laune hielt vielleicht noch zwei Minuten an und dann war sie wie weggefegt. Ehrlich! So unglaublich das klingt, aber nach wenigen Minuten war die schlechte Laune abgewettert und wir zogen fröhlich in den Kindergarten.

Was mir bei diesem Erlebnis einmal mehr auffiel, war, wie seltsam wir doch eigentlich mit den Gefühlszuständen unserer Kinder umgehen. Und ich glaube, dass wir tatsächlich daraus Rückschlüsse darauf ziehen können, wie wir mit unseren eigenen Gefühlszuständen umgehen. Die erste Reaktion ist zumeist, negative Gefühlszustände zu verändern, wir wollen sie nicht haben, weder an uns noch an unseren Kindern. Ob letzteres nun daran liegt, dass wir so emphatisch sind mit unseren Kindern und sie glücklich sehen wollen oder daran, dass wir das Geweine und das Jammern schlecht ertragen, sei dahin gestellt. Jedenfalls versuchen wir ganz unwillkürlich, die Gefühle unserer Kinder zu verändern: „Sei nicht traurig!“ „Ach, komm, ist doch nicht so schlimm.“ „Nichts passiert.“ „Reiß dich doch mal zusammen.“ 

Hand aufs Herz, bei wem hat die Strategie von „eigentlich sollte ich doch fröhlich sein!“, „jetzt muss ich mich aber mal am Riemen reißen und mich nicht so schlecht fühlen“, jemals zu einer Verbesserung der Laune geführt? Also in meiner Erfahrung nicht. 

Vielleicht sollten wir uns selber öfter erlauben, übellaunig und miesepetrig zu sein. Und dann schauen wir, was mit uns passiert. Wenn wir lernen uns mit unseren unangenehmen Gefühlen anzunehmen, dann verbrauchen wir keine Energie für die Versuche, unsere Gefühle rational zu verändern, sondern werden weicher für uns und unsere Mitmenschen und für unsere Kinder, die uns immer und immer wieder den Spiegel vorhalten und uns jeden Tag mehr lehren, als wir jemals verstehen werden. Hex Hex! 

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