Süßer die Alarmglocken nie klingen – ist Achtsamkeit in der Weihnachtszeit möglich?

Drei Strategien, die helfen können, heil durch den Feiertagsstress zu kommen

 

Draußen wird es langsam dämmrig. Es fängt an zu schneien. Der Baum ist geschmückt, perfekt geschmückt. Das Weihnachtsessen brutzelt auf dem Herd. Die Kinder packen die Geschenke aus, ihre Augen glänzen. Sie sind glücklich. Die Angehörigen sitzen am Tisch in perfekter Harmonie. Kein Streit, keine Kritik, keine seltsamen und divergierenden politischen und gesellschaftlichen Einstellungen. Glück, Dankbarkeit, Bescheidenheit. HARMONIE!

Das ist das Bild unseres Weihnachtsfestes wie wir es gerne hätten. Erwartungen und Bilder, die wir als Geschichten in uns tragen, Geschichten, die uns überliefert sind von unserer Kultur.

Es regnet in Strömen, nasskalter Wind. Der Baum passt nicht in den Ständer. Der Strohstern für die Weihnachtsbaumspitze ist abgeknickt oder unauffindbar. Der Weihnachtsbraten brennt gerade im Ofen an oder wird nicht rechtzeitig gar. Die Kinder streiten oder sehen mürrisch auf Geschenke, die sie nicht haben wollten. Sie wollten die fünfte Spiele-Konsole und das hundertste Lego-Set. Die Angehörigen am Tisch beäugen sich, in ihren Köpfen misstrauische Gedanken. Für Tante Lisbeth gibt es zu viele Flüchtlinge in diesem Land. Opa hält nichts von der Ehe für alle und die Schwiegermutter macht eine Bemerkung über die Undankbarkeit der Kinder heutzutage. Früher war das ganz anders, ist ja aber auch kein Wunder bei diesem Erziehungsstil …

Die Realität sieht manchmal ganz anders aus als die Bilder, die wir in unserem Kopf haben. Und die Diskrepanz zwischen beidem kann schmerzlich sein.

Hier sind drei Strategien, um heil durch den Feiertagsstress zu kommen:

  1. Freundschaft und liebevolle Achtsamkeit

Kurz vor dem heiligen Feste, fällt einem auf, dass zwei wichtige Geschenke noch fehlen, oder der Metzger die Bestellung verschlampt hat. Vielleicht weiß jemand mal wieder besser, wie man eigentlich mit Kindern umzugehen hat. Der Puls geht hoch, die Handflächen werden schwitzig: es entsteht Stress. Sobald wir diese Tatsache erkennen und anerkennen, dass wir Stress haben, können wir uns entscheiden: a) weiter dem Pfad des Stresses zu folgen, indem wir reaktiv werden oder b) anerkennen, dass dies eine schwierige Situation für uns ist und dann unsere Emotionen und unser Befinden benennen. Den kleinen Satz von „das ist ok“ hinzuzufügen, kann Wunder wirken.

Ich bin angespannt und wütend auf meinen Bruder, mein Kind, mich selber, … , Das ist ok.

Lokalisieren, wo das Gefühl im Körper zu spüren ist. Wo genau? Wie stark ist es? Eher links, eher recht? Hat es ein Zentrum und eine Peripherie?

Atmen. Nichts, was wir wirklich aktiv tun müssen. Das Atmen wird ja sowieso ständig für uns erledigt. Aber wir können unsere Aufmerksamkeit auf unseren Atem richten und zur Besinnung kommen.

Genauso wie wir uns in diesem Moment mit liebevoller Achtsamkeit annehmen können, können wir auch versuchen – so gut es geht – unser Gegenüber mit liebevoller Achtsamkeit anzunehmen. Und egal, wie schwer dies scheint, ein Schritt in diese Richtung zu gehen, kann bedeuten, einfach nur zu sehen, dass das Gegenüber in diesem Moment sein bestes gibt, so wie er es kann, in diesem Moment und dass das Gegenüber ein menschliches Wesen ist, was Mühen erlebt und Anstrengungen und Kämpfe und was im Grunde seines Herzens den Wunsch hegt, erwünscht zu sein.

 

  1. Die Aufmerksamkeit auf das Positive richten

Der menschliche Geist hat die Tendenz, sich auf das Negative zu stürzen. Hier hakt er sich gerne fest, das Negative wird gerne erinnert, hervorgekramt und berichtet. Diese Tendenz hat evolutionär irgendwie seinen Grund, wenn man bedenkt, dass es überlebensnotwendig ist, sich an den Giftpilz besser zu erinnern als den wohlschmeckenden ungiftigen. Zur Weihnachtszeit und in Zusammenhang mit unliebsamen Verwandten hat diese Tendenz leider nicht mehr viel Sinn. Aber interessanterweise können wir unseren Geist anders trainieren. Die Neuroplastizität macht es möglich und folgende Übung kann helfen: Am Abend nimmt man sich einfach ein paar Minuten, um folgende Fragen zu reflektieren:

 

Was waren heute drei schöne Erlebnisse?

Wofür bin ich dankbar / wer war heute freundlich zu mir?

Wann war ich freundlich zu jemandem?

Was habe ich heute gut gemacht?

 

  1. Anderen helfen

Sharon Salzberg empfiehlt unter anderem durch die stressigen Feiertage zu gehen und bewusst anderen zu helfen. Das Weihnachtsfest kann für viele eine Zeit der Einsamkeit sein. Wie können wir hier helfen? Vielleicht wohnt die Einsamkeit im Nachbarhaus und wir sehen es gar nicht, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind über Tante Lisbeths unsägliche Bemerkung am letzten Weihnachten beleidigt zu sein. Vielleicht können wir spenden oder eine Gehmeditation durch die Stadt machen und dabei den Vorbeilaufenden im Stillen alles Gute wünschen.

Vielleicht können wir uns bemühen, das Läuten unserer Alarmglocken zu verwandeln, in den Weckruf unserer Achtsamkeitsglocke. Vielleicht aber auch nicht.

Ich wünsche Euch in diesem Sinne ein schönes und fröhliches Weihnachtsfest!

 

Wie erlebt Ihr den Stress um die Weihnachtszeit? Was hilft Euch? Ich freue mich über Eure Kommentare ↓

Yogakurs Montag 17:30 Start 08. Januar 2018

Durch regelmäßige, achtsam ausgeführte Yogaübungen wird der Körper gedehnt, gekräftigt und mobilisiert. So können wir zu einem entspannteren Leben beitragen, ein bewussteres Körpergefühl entwickeln und den Körper besser kennen- und schätzen lernen.

In meditativen Übungen machen wir uns mit unserem Innenleben vertraut, können unserer Stressoren erkennen und so lernen, was gut und heilsam für uns ist.

Das Angebot richtet sich an alle, die zu mehr Ruhe und Gelassenheit kommen möchten, ob mit oder ohne Vorerfahrung in Yoga oder Meditation.

ab 08. Januar (5 Termine) 17:30 – 19:00
60,00 €

Wie es Wunder wirken kann, Gefühle zu benennen

 

Kinderaugen, Augen, Blaue Augen, Emotion, Gefühle

„Heißest du Kunz?“ „Heißest du Heinz?“ „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

Unsere Tochter war noch nicht einmal zwei Jahre alt und sie steht im Flur vor der Haustür und weint. Ihre kleinen Hände halten sich an meinem Hosenbein fest, ihre Augen schauen zu mir auf. Mama soll nicht weggehen. Mama soll hierbleiben. Ich muss los, einen Yogakurs unterrichten. Mein Mann ist da, um auf die Kinder aufzupassen „Wie es Wunder wirken kann, Gefühle zu benennen“ weiterlesen

Leben in Vorstellungen

»Diese Welt ist nichts anderes als eine Leinwand für unsere Vorstellung. «
Henry David Thoreau

Als ich in die Grundschule ging, hatte ich folgendes Erlebnis: Unsere Schwimmlehrerin kündigte an, dass wir in der Stunde vor den Ferien unser Wasserspielzeug mitbringen dürften, also aufblasbare Schwimmtiere und dergleichen. In meiner Vorstellung war dies fast das Beste, was einem in seiner ganzen Schullaufbahn passieren konnte. In meinem Kopf entstanden Bilder von Glück im Wasser, Bilder, die wohl nur ein kindlicher Geist zeichnen kann. „Leben in Vorstellungen“ weiterlesen

Wie der jetzige Moment mich veränderte

»Unser wahres Zuhause ist der gegenwärtige Augenblick.
Wenn wir wirklich im gegenwärtigen Augenblick leben, verschwinden unsere Sorgen und Nöte, und wir entdecken das Leben mit all seinen Wundern.«
Thich Nhat Hanh

Dr. Malte Thormählen, der Achtsamkeitsarzt, hat vorgeschlagen, dass es wohl eine gute Idee wäre, wenn einer meiner ersten Blogbeiträge hier davon handeln würde, wie die Achtsamkeit mir in Bezug auf meine Depression geholfen hat. Und dann meinte er, dass dieses Thema „Wie der jetzige Moment mich veränderte“ weiterlesen